(eine sehr freie Adaption des Titels "I Wandered Lonely As A Cloud")
Wunder gibt es immer wieder. Manchmal wundert man sich auch. Viel öfter sollte man sich über sich selbst wundern als über andere Leute. Wie schwer mir das manchmal fällt. Vor allen Dingen beim Straßenbahnfahren. Wenn ich die Leute beobachte. Letztlich saß ich zwei Mädchen gegenüber, die zwei Minuten brauchten, um herauszufinden, dass ein Teil 120 Mark kostet, wenn drei Teile 360 Mark kosten. Vielleicht hat es auch 130 Mark gekostet, wer weiß. Das war wunderlich.
Wenn ich mit der Bahn nach Hause fahre, treffe ich manchmal Leute, die ich kenne, und dann unterhalten wir uns. Oft fahre ich aber auch allein nach Hause, wenn ich niemanden getroffen habe. Dann habe ich nichts zu tun und suche eine Beschäftigung. Deshalb beobachte ich andere Leute. Oder höre ihnen bei ihrer Unterhaltung zu. Auch heute habe ich niemanden getroffen. Bis jetzt gab es noch nicht viel zu sehen. Nur einen Mann, der trotz freier Sitzplätze steht und ab und an dämlich grinst. Ich sitze alleine auf einem Viererplatz; bis zur letzten Haltestelle hatte neben mir noch jemand gesessen, aber der kannte auch niemanden.
Zwei ältere Damen steigen ein. Eine ist etwas schneller als die andere und setzt sich mir gegenüber, nachdem ich meine Beine eingezogen habe. Die Langsamere setzt sich daneben. Die beiden gehören scheinbar nicht zusammen. Oder doch? Das Alter scheint zu stimmen. Ziemlich plötzlich, da unerwartet, stellt die Langsame eine Frage: "Bis wohin fahren wir denn jetzt?" - "Wir müssen ja nicht den selben Weg zurückfahren, ich muss ja heute nicht mehr zum Arzt," antwortet die Andere. Sie hat das typische Gesicht einer älteren Frau, die man vor Augen hat, wenn es um den Generationskonflikt geht. Kleine, kalte Augen. Die Falten lassen ihr Gesicht eingefallen wirken, die Mundwinkel sind nach unten gezogen. Hat dieser Mund je gelacht? Die Langsamere hat ein Meine-liebe-Oma-Gesicht. Nicht unbedingt freundlich, aber trotz der Falten weich gezeichnet. Sie trägt eine flauschige Wollmütze, so eine wie alte Leute sie eben tragen. Die andere hat eine Kappe auf, die eine Kreuzung zwischen Kapitänsmütze und Schlapphut sein könnte, wenn Kopfbedeckungen fortpflanzungsfähig wären.
Die Langsame nimmt das Gespräch wieder auf. "Wir können ja noch bis Brackel fahren, dann kannst du auch in die Apotheke gehen." - "Ich muss gar nicht in die Apotheke. Ich gehe doch heute nicht zum Arzt." - "Aber wir haben doch noch Zeit. Der Arzt hat heute bis fünf auf, da kannst du doch dein Rezept holen und dann..." - "Ich gehe heute nicht zum Arzt. Das habe ich dir schon fünfmal erzählt. Ich gehe morgen zum Arzt, dann kann ich das Attest gleich auch mitnehmen." - "Aber wenn der Arzt bis fünf Uhr auf hat, dann..." - "Ach, lass mich in Ruhe." Sie wendet sich ab, schaut aus dem Fenster.
Eigenartig, die beiden. Fast wie Mutter und Tochter, die sich nach all den Jahren nicht mehr verstehen. Aber die beiden sind ungefähr gleich alt. "Und bis wohin fahren wir jetzt?" traut sich die Langsamere nach einiger Zeit zu fragen, etwas schüchtern, fast vorlaut. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. "Wir können noch bis nach Brackel fahren, und dann mit dem Bus nach Aplerbeck. Oder wir steigen Rüschebrinkstraße aus und fahren mit dem 471er." - "Hmhmm" murmelt die Langsamere als Antwort. Es folgt eine kleine Pause. Sie fängt wieder an zu sprechen. "Wir könnten auch zu Fuß gehen. Aber nein, das ist zu weit." - "Und dir ist es auch zu windig." - "Ja, hinterher fällt mir noch ein Ast auf den Kopf." - "Hier sind gar keine Bäume, da kann dir auch kein Ast auf den Kopf fallen." - "Hier sind wohl Bäume. Und bei dem Sturm kann einiges runterkommen." - "Das habe ich heute morgen schon im Radio gehört, die haben das in den Nachrichten gesagt." - "Und wohin fahren wir jetzt?" - "Willst du denn bis nach Brackel fahren und dann da in den Bus einsteigen..." - "Ja." - "...oder Rüschebrinkstraße aussteigen und mit dem 471er fahren?" - "Ja." - "Ja was denn nun, bis nach Brackel oder jetzt aussteigen." Die nächste Haltestelle ist Rüschebrinkstraße "Ja." - "Also jetzt gleich aussteigen" - "Ja." Wie schön, denke ich, - und verkneife mir seid längerer Zeit ein Grinsen - da muss ich auch raus. "Wir müssen jetzt raus. Steh schon mal auf." Ich gehe kurz hinter den beiden raus.
"Da steht der Bus," sagt die Schnellere. "Ob der wartet?" Ich sehe, dass der Bus den linken Blinker gesetzt hat. Der wartet nicht. Ich stehe mit den beiden an der Ampel. Der Bus auf der anderen Straßenseite fährt ab. "Da fährt er," sagt die Schnellere und sucht mit ihrem Blick erfolgreich nach Zustimmung bei einer jüngeren Frau, die auch den Bus verpasst hat. Diesmal warst du eben nicht schnell genug. Und wärt ihr mal bis Brackel gefahren. Ich lasse die beiden älteren Damen an der Bushaltestelle zurück und mache mich auf den Weg nach Hause. Das letzte Stück gehe ich meistens alleine. Heute treffe ich auch niemanden. Und ich gehe und denke an die beiden Frauen. Ich wundere mich einsam. Wie eine Wolke.
© Philipp Pulger
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