Die nächste Geschichte ist eine Parabel oder so... Geschrieben anlässlich zweier Messdienerstunden. Verstanden hat sie so recht keiner, trotzdem handelt es sich um eine schöne Geschichte, die es sich lohnt, in die Sammlung aufzunehmen (damit das Verstehen besser klappt, gibt es ein erklärendes Gespräch). Während ich schreibe, denke ich über einen Namen für die Geschichte nach. Außerdem höre ich Musik. Beethoven, Klavierkonzert Nr. 3. Das nebenbei. Hier ist auch schon ein Titel:
Eines Tages bekamen zwei Männer einen Brief. Jeder einen, versteht sich, denn die beiden kannten sich nicht. Also bekamen eines Tages zwei Männer zwei Briefe. Die beiden Briefe hatten allerdings den gleichen Inhalt, also reicht es, wenn wir uns den Brief anschauen, den der erste Mann bekommen hatte. Dieser Mann hieß übrigens Dimentico, der zweite Mann hieß Destini. Im Brief waren ein Foto, eine Landkarte und eine Nachricht. Ein gewisser Francesco erzählte von einem wunderbaren Land, das, wenn man einmal da gewesen war, ein Leben für immer bereichern konnte. Das Foto zeigte eine wunderschöne Landschaft mit Wiesen, Wald und einem kleinen Bach, der fröhlich von einem Rand des Fotos zum anderen plätscherte. Am Bach und auf den Wiesen waren viele Tiere und recht wundersame Gestalten zu sehen. Francesco schrieb, das seien die Menschen, die ein wenig komisch aussähen, weil sie sich so freuten. Die Karte zeigte den Weg zu diesem Land, das übrigens Zelina hieß. Das stand auch auf der Karte. Und in Francescos Nachricht. Francesco lud nun Dimentico und Destini nach Zelina ein, doch erzählte er dem einen nichts von dem anderen und dem anderen nichts von dem einen.
Beide machten sich rasch auf den Weg, denn sie waren neugierig auf das Land, von dem Francesco ihnen berichtet hatte. Dimentico schnappte sich die Karte aus dem Brief und hinterließ Foto und Nachricht seinem Vater, der sollte schließlich wissen, wo er war. Destini nahm gleich den ganzen Brief mit. Die beiden Männer mussten einen langen Weg zurücklegen, aber sie waren gute Wanderer und kamen schnell nach Davantissima, einem Ort, von dem es nicht mehr weit nach Zelina war. Dimentico war einige Tage eher da als Destini, und weil er von seiner langen Reise sehr müde war, beschloss er, einige Tage in Davantissima zu bleiben, um sich auszuruhen.
Davantissima war ein sehr schöner Ort, und Dimentico freundete sich schnell mit den netten Bewohnern des Ortes an. Und weil es ihm in Davantissima so gut gefiel, beschloss Dimentico, dazubleiben.
Einige Tage später als Dimentico erreichte auch Destini diesen Ort. Auch er freundete sich schnell mit den Bewohnern an. Eines Abends saß er mit seinen neuen Freunden im Gasthaus und erzählte ihnen von Zelina. Auch zeigte er ihnen das Foto, das Francesco ihm geschickt hatte und das ihn ständig an Zelina erinnerte. Seine Freunde aus Davantissima waren tief beeindruckt. Einig beschlossen, Destini auf seinem Weg zu begleiten.
Gleich am nächsten Morgen brachen sie auf. Obwohl der Weg nicht mehr weit war, war er doch sehr anstrengend. Sie mussten viele Pausen machen und sogar dreimal übernachten. Am vierten Tag schließlich erreichten sie Zelina. Sei waren sehr glücklich, dass sie angekommen waren und erfahren konnten, wie schön es in Zelina war. Es war nämlich noch viel schöner, als sie es sich zu Beginn ihrer Reise vorstellen konnten.
© Philipp Pulger
Schüler: Und Destini ist wirklich nur angekommen, weil er das Foto dabei hatte?
Lehrer: Er hatte etwas dabei, was ihn ständig an sein Ziel erinnerte. Er konnte sich sein Ziel bildlich vor Augen führen.
Schüler: Aber so schnell vergisst man seine Ziele doch nicht.
Lehrer: Du wirst dich wundern. Wenn man nur sein Ziel im Kopf hat, ist es noch ziemlich einfach, sein Ziel nicht zu vergessen. Aber es gibt in unserer Welt so unendlich viele Dinge, die einen vom Ziel ablenken können.
Schüler: Du meinst, Dimenticos neue Freunde aus Davantissima haben ihn von seinem Ziel abgelenkt?
Lehrer: Dimentico hat sich sehr wohl gefühlt in Davantissima. Mit den Dingen, die einen vom Ziel ablenken, ist das meist genauso. Sie sind meist sehr angenehm im Vergleich zum anstrengenden Weg, den man zum Ziel hat.
Schüler: Was sind das für Dinge?
Lehrer: Die Antwort könntest du dir eigentlich selber geben. Ich werde dir aber einige Beispiele nennen. Fernsehen ist wahrscheinlich das gefährlichste Ablenkungsmanöver in unserer Gesellschaft. Es hält einen nicht nur davon ab, seinem Ziel in der Welt nachzugehen, es schafft auch eine Ersatzwelt, die viel schöner und wirklicher scheint als die eigentliche Welt. Auch Discos sind nicht unbedingt der beste Ort. Man trifft vielleicht viele Menschen, doch im Grunde ist jeder doch für sich oder in seiner Clique.
Schüler: Ich glaube, ich habe verstanden. Heißt das nun, dass ich diese Dinge meiden soll?
Lehrer: Nein, nicht unbedingt. Um sich in unserer Gesellschaft zurecht zu finden muss man sich auch in ihr bewegen, also ab und zu auch die Vergnügungen in Anspruch nehmen. Es kommt nur auf das richtige Maß an.
Schüler: Und wie finde ich das richtige Maß?
Lehrer: In erster Linie durch Verzicht. Die meisten Menschen haben die Angewohnheit, zuviel vom Angebot in Anspruch zu nehmen. Wenn du dich also einschränkst, wirst du schnell merken, dass du dadurch gewinnst.
© Philipp Pulger
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