24.09.2002  

Predigt des Erzbischofs von Köln,
Joachim Kardinal Meisner,
bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz
in Fulda am 25. September 2002

Liebe Mitbrüder,
liebe Schwestern und Brüder!

In den Kölner Eigenmessen gibt es eine eigene Präfation von den heiligen Bischöfen. Darin heißt es: "Denn du hast der Kirche (von Köln) das Licht deiner Gnade und Wahrheit geschenkt durch das Wort und Beispiel heiliger Hirten. Sie haben in Christi Auftrag dein Volk auferbaut und gefestigt im Glauben, gestärkt in der Liebe und durch diese Weltzeit in dein ewiges Reich geführt." Diese Aufgabe hat - wenn man sich mit dem Leben dieser heiligen Bischöfe beschäftigt - immer und zu allen Zeiten einen mutigen Einsatz für den Glauben und eine geduldige Furchtlosigkeit provoziert.

Wir sind heute durch Gottes Erbarmen in eine Zeit gestellt, in der die Kirche in unserem Land vor lauter Strukturen, Statuten, Sekretariaten und Kommissionen zu einer reinen Organisation zu erstarren droht. Wenn die Struktur stärker ist als das Leben, das von ihr geschützen werden soll, dann wird sie zur Gefahr, das Leben zu erdrücken und zu töten, und dann hat man nur noch Knochen, nur noch Gerüst, nur noch Papier in der Hand. Es wäre schon interessant, etwa einmal eine Pisa-Studie im Hinblick auf das Glaubenswissen unserer Gläubigen in Auftrag zu geben. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass sie wohl noch negativer ausfallen würde. Das ist umso tragischer, da heute so viele in unseren Gremien und Kommissionen Verantwortung mittragen und darum auch mitreden und dabei Glaubenswissen nur noch sehr begrenzt vorhanden ist. Es ist bekannt, dass richtige Gewissensentscheidungen richtiges Wissen voraussetzen.

Aber es geht nicht nur darum, dass der vitale Glaube uns abhanden zu kommen scheint, sondern dass an seiner Stelle ein selbstgezimmerter, ideologischer Glaube Einzug gehalten hat, der nur noch dem Namen nach katholisch ist. Manche unserer Einrichtungen verdunkeln den katholischen Glauben. Die Apparate sind oft so mächtig geworden, dass wir uns selbst als Bischöfe häufig hilflos und machtlos vorkommen und dann gute Miene zum bösen Spiel machen. In diesen Wust von Apparaten, Strukturen, Zuständigkeiten und Kompetenzen muss der Gottesgeist hineinfahren wie ein Sturm und alles wegblasen, was die Stimme der Kirche, was ihr prophetisches Wort relativiert, was die Leuchtkraft ihrer Botschaft vernebelt.

Der Erzbischof von Oppeln erzählte mir anlässlich des Papstbesuches in Krakau, dass er z. B. für seine theologische Fakultät, da sie nun Glied innerhalb einer staatlichen Universität geworden ist, folgende Praxis festgelegt hat: Die Professoren für seine Priesteramtskandidaten müssen immer Priester sein; sie müssen immer in geistlicher Kleidung ihre Vorlesungen halten, mindestens einmal in der Woche müssen sie mit einer Gruppe Studenten die heilige Messe feiern und immer in ihrem Tun und Lassen die Freude an Gott und die Liebe zur Kirche vermitteln. Würde Letzteres fehlen, können sie - trotz bester Fachkenntnisse - nicht länger akademische Lehrer- und Priestererzieher bleiben.

Der Herr stellt immer wieder die Frage nach dem Glauben: "Glaubst du das?" Bei unseren zahlreichen Mitarbeitern in unseren zahlreichen Institutionen müssen wir auch immer zuerst die Frage stellen: "Stehst du mit deinem Glauben dahinter, was du als Mitarbeiter in einer katholischen Institution zu tun hast?" Ich höre mitunter bei mir zu Hause, dass man etwa von einer Erzieherin im Kindergarten sagt, ihr Dienst sei für sie selbst erst ein Weg zum Glauben. Wir müssten Geduld haben, vielleicht gerät eine solche Erzieherin von Kindern in einen Glaubensprozess, sodass sie dann doch noch zum Glauben kommt. Aber was wird dann aus den Kindern, wenn die Erzieherin nicht zum Glauben kommt? Sind die Kinder nur Mittel zum Zweck, damit die Erzieherin zum Glauben kommt? Ähnliches höre ich von Katechetinnen beim Erstkommunionunterricht: Man benutzt den Erstkommunionunterricht als missionarisches Mittel, um die Katechetin zum Glauben zu bringen. Das kann doch nicht gutgehen! Blinde können doch nicht Führer von Blinden sein! Unsere Institutionen verdienen nur dann die Bezeichnung "katholisch", wenn sie auch von überzeugten katholischen Christen getragen werden.

Die Urgestalt unseres Glaubens findet sich nicht schon in unseren Verbänden und unseren Einrichtungen an sich, sondern in der Begegnung des Menschen mit Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes, der ihnen die Frage stellt: "Glaubst du das?" Dieser Vorgang liegt zunächst vor aller Mitarbeit. Darum haben wir in der Kirche gegenwärtig wohl keine größere Aufgabe, als Katechese und Predigt.

Das einzige Rinnsal der Weitergabe des Glaubens scheint oft nur noch der schulische Religionsunterricht zu sein, nachdem das nicht mehr in der Familie geschieht und kaum noch in der Gemeinde. Wie stellt sich uns der schulische Religionsunterricht dar? Dafür gibt es in der gegenwärtigen kirchenpolitischen Auseinandersetzung Beispiele, die nicht sehr froh stimmen. Unsere Gesellschaft ist ja nicht glaubenslos geworden, wohl aber sind so viele andere Religionsangebote auf den Markt gekommen. Und es ist tragisch, dass wir in einer so geschwächten Position auf diesem Markt religiöser Wirklichkeiten mitmischen. Da ist wenig von Faszination, vom Splendor veritatis, vom Glanz der Wahrheit zu spüren. Dann wird das Gift des Halbglaubens und des Falschglaubens die Überzeugungskraft des wahren Glaubens zersetzen.

Der Herr fragt: "Wird ... der Menschensohn, wenn er kommt, noch Glauben finden?" (Lk 18,8). Unsere Kirche ist keine Weltverbesserungsgesellschaft, sondern es ist ihre Sendung, Christus zu vergegenwärtigen, um das Volk Gottes durch diese Weltzeit in das Reich Gottes zu führen. Verlieren wir nicht dieses letzte Ziel vor lauter vorletzten Zielen aus den Augen! Denn das Ziel bestimmt den Weg. Jesus sagt: "Ich bin der Weg" (Joh 14,6), d.h. er trägt uns, und er führt uns zum Ziel. Das ist die Faszination des Evangeliums, dass es uns immer das gibt, was es von uns will. Es überfordert nicht. Es trägt, und es lässt uns nicht auf Holzwege und Sackgassen gelangen, sondern hält uns auf dem richtigen Kurs, der zu unserer Vollendung führt.

Die Gegenwart darf uns schon wegen der Ewigkeit nicht gleichgültig sein, denn die Gegenwart bestimmt die Gestalt der Ewigkeit. Unser Leben ist kein unverbindliches Geplänkel, sondern es ist prägend für die Form meines ewigen Daseins, das sich im persönlichen Gericht entscheidet. Da heißt es nicht: "Wir kommen alle, alle in den Himmel", sondern dort heißt es ganz schlicht: Die dem Worte Jesu gefolgt sind, werden zu seiner Rechten sein. Und die sich um seine Botschaft nicht gekümmert haben, auf seiner linken. (vgl. Mt 25,31-46). Das Gerichtsurteil des Herrn spricht das aus, wonach der Mensch sich selbst ausgerichtet hat. Für die auf der rechten Seite bedeutet das: "Euer Wille geschehe", und auch für die, die im Abseits Gottes auf der linken Seite stehen, gilt: "Euer Wille geschehe". Der Mensch verdammt sich selbst! Wenn diese Perspektive nicht mehr in der Verkündigung spürbar wird, dann verliert die Gegenwart ihren Ernst und ihr Gewicht. Wenn wir jedoch unverkürzt die Botschaft verkünden, dann hilft das den Menschen, aus der Spaßgesellschaft eine Bewährungsgesellschaft zu machen, in der man schon jetzt etwas vom Himmel auf Erden zu spüren bekommt. Das ist unsere Sendung in der Gegenwart für die Zukunft.

Gebe Gott, dass auch in ferner Zukunft in den Eigenmessen der deutschen Bistümer gebetet werden kann: "Denn du hast der Kirche in unserem Land das Licht deiner Gnade und Wahrheit geschenkt durch das Wort und Beispiel heiliger Hirten. Sie haben in Christi Auftrag dein Volk auferbaut und gefestigt im Glauben, gestärkt in der Liebe und durch diese Weltzeit in dein ewiges Reich geführt." Amen.

 

Gespiegelt am 26.09.2002 von Philipp Pulger